Interview mit Ruben Talberg ( Maler, Bildhauer, Fotograf )

Veröffentlicht: 17. Juli 2008 von Bianka Schüssler in Künstler
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Kurzbiografie mit den wichtigsten künstlerischen Stationen

Wann und wo wurdest du geboren ?

1964 im wunderbaren Heidelberg.

Bist du künstlerisch durch deine Familie vorbelastet?

Durchaus. Meine Großmutter war Opernsängerin und hat viel am Theater gearbeitet. Meine Verwandtschaft in den USA weist zurück auf einen gewissen Irving Thalberg , dem Stifter des Thalberg Awards für Filmproduzenten der Oscar Academy. Mit einer anderen Verwandten und Malerin in New York habe ich die Basics der Ölmalerei studiert. Das war noch während meiner Schulzeit. Danach habe ich dann in Heidelberg die Matura gemacht.

Wann hast du dich entschieden, dein Leben der Kunst zu widmen?

Mit meiner Hochbegabung (Mitglied von MENSA International ) hätte ich alles machen können. Aber merkwürdigerweise war es die Kunst, die einem unruhigen und freien Geist die meiste Entfaltung bot. Kunst kommt auch eher von einem „Müssen“, denn von einem „Wollen“, d. h. sie ist mehr Berufung als Beruf. Von daher war es auch weiniger ein Zeitpunkt, zu dem ich mich entscheiden musste, sondern eher ein Weg, ein Lebenspfad. Ich nehme mal an, dass ich gerade wegen meines autonomen Denkens in einem anderen Beruf auch nicht klar gekommen wäre.

Was war deine Motivation?

Viel Geld und viel Sex (lol)… nein ernsthaft…Wenn es um Dinge geht, die getan werden müssen, fragt man weniger nach den Gründen. Es gibt ja mitunter ganz komische Motivationen für Kunst, z.B. auch die politische. Aber das hat meines Erachtens gar nichts mit der Qualität der artworks zu tun, die man produziert. Im Umkehrschluß bedeutet dies, dass ich rein gar nichts von artworks halte, die nur politische Statements illustrieren (Kitsch). Noch ermüdender sind Künstler, die dem Betrachter politische Statements aufzwingen wollen.

Was waren damals deine Vorstellungen, wie dein Künstlerleben aussehen könnte?

Wie Beuys auch, hatte ich vor, mich in einen Bulldozer zu setzen, und zu allererst einmal die Mauern des Frankfurter Rathauses einzureißen, d.h. Zeichen setzen, Aufmerksamkeit erregen etc. Da ich aber mehr zu der introvertierten Fraktion tendiere, lag mir letztlich wenig an solchen Äußerlichkeiten. Als nicht-darstellender Künstler steht man auch nicht so im Rampenlicht wie z.B. die Kollegen von der Schauspielerei, seien es nun A, B oder C Promis.

Was waren in deinem Leben die wichtigsten künstlerischen Stationen inhaltlich wie regional?

Rein geographisch spielte sich bei mir viel im Spannungsfeld Israel, USA, Europa ab, d.h. das waren bzw. sind bis auf wenige Ausnahmen meine bevorzugten Orte der Inspiration. Regional gesehen hatte ich lange Zeit ein Atelier in Frankfurt, dass ich mir mit einem älteren Künstlerkollegen teilte und von der Stadt Frankfurt gefördert war. Irgendwann wurde auch das zu klein, und ich sah mich auf der anderen Seite des Mains um, genauer gesagt in der „Kreativ-Stadt“ Offenbach.

Thematisch hatte ich mich in der Vergangenheit länger mit dem Holocaust auseinandergesetzt, u. a. mit der Frage, ob eine künstlerische Produktion nach Auschwitz überhaupt noch möglich ist. Dann beschäftigten mich Fragen, die viel mit antagonistischen Begriffspaaren zu tun haben wie Gut – Böse, Schönheit – Wahrheit, Bewusstsein – Unbewusstsein, Symmetrie – Asymmetrie, Eros & Thanathos (Liebe & Tod), Wahn & Gesellschaft, Alchemie & Wissenschaft etc. Zu den wichtigen Komplexen wurden begleitend zu den jeweiligen Ausstellungen auch Kataloge publiziert, zu beziehen über amazon.de , sofern noch nicht vergriffen.

Wieso sollte eine künstlerische Produktion nach Auschwitz nicht mehr möglich sein?

Das Leid, die Folter, der Massenmord an Millionen meiner Glaubensbrüder ist nicht nur in unserem kollektiven Gedächtnis eingebrannt. Das Unsagbare, das Unfassbare, der Holocaust ist geschehen und kann weder vergessen noch vergeben werden. G’tt hat in dieser Hinsicht total versagt und ist für mich seitdem auch nicht mehr existent. Wo aber G’tt nicht mehr existiert, existiert auch kein Glaube mehr, keine Liebe und Hoffnung. Was übrig bleibt, ist Leere und eine graue Wüste. Ein ewiges Exil, in dem ich mich gerade bewege.

Gab es wesentliche künstlerische Umbrüche in deiner Laufbahn?

Dazu kann ich nur sagen, dass der Weg des Künstlers extrem hart und steinig ist, d.h. mir wurde trotz meiner Herkunft und Hochbegabung nichts geschenkt. Mein Studium hatte ich mir bereits durch den Verkauf meiner artworks finanziert. Im Rückblick kann ich nur sagen, ich kann niemand raten, diesen doch mitunter einsamen Weg der Kunst zu gehen.

Wenn du heute zurückschaust auf deine Laufbahn, deckt sich dein Weg dann mit deinen damaligen Vorstellungen davon?

Ich würde sagen, es ist so wie die Ehe mit einer Hure. Man hat zwar gewisse illusorische Erwartungen, aber man weiss nie, wohin sie einen treibt, wo letztlich alles endet. Somit kommt es praktisch nie zur einer vollen Kongruenz von Erwartung und Realität. Sowie es auch praktisch nie zu einer völligen Kongruenz von Imagination und Realisierung von artworks kommt. Es kommt immer wieder zu Rissen, Brüchen, Asymmetrien, die aber ihrerseits als Ausgangspunkte für neue artworks dienen können. In gewissem Sinn kann man auch von dem Versuch einer Aneignung sprechen, die aber letztlich nie ganz gelingt. Mitunter wird der Künstler auch zur Hure seiner eigenen Kunst. Das ist eine Gratwanderung auf des Schwertes Spitze.

Was ist anders gekommen als du dachtest? Welche Illusionen musstest du aufgeben?

Letztlich hat mir der Erfolg recht gegeben im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Wie zuletzt das Auktionsresultat bei Ketterer-Kunst in Hamburg . Wie auch diese einzigartige Atelier – Location, die TALBERG FACTORY in Offenbach, in der ich meine artworks der interessierten Öffentlichkeit präsentieren kann. Die Atelier-Situation ist absolut elementar für die künstlerische Produktion!

Die Schattenseite des Erfolgs bilden hier die Neider, Missgünstigen und Zukurzgekommenen, die sich ebenso – scheinbar einem Naturgesetz folgend – wie die Fliegen vermehren. In den USA oder Israel habe ich das nicht so krass erlebt. Das war übrigens auch eine der Illusionen, die ich hatte: Dass man durchs Leben gehen kann, ohne angefeindet oder mit hasserfüllten Blicken betrachtet zu werden. Ganz ohne Antisemitismus geht es eben doch nicht! Am Ende hatte ich nur Glück, in Tel-Aviv nicht von einem Hamas-Selbstmord-Attentäter in die Luft gesprengt worden zu sein! Mazel-tov!

Ruben Talberg über die Kunst

Was ist Kunst für dich?

Einer meiner jüngsten Werk-Zyklen trägt den Titel „Malchut “, was auf hebräisch in etwa „Königreich“ oder „Herrschaft“ bedeutet. Es handelt sich um eines der Schlüsselworte der jüdischen Mystik . So sehe ich mich in diesem Zusammenhang als Medium, welches sein künstlerisches Werk auf Erden schafft, sein persönliches Königreich. So hat Kunst für mich letztlich eine alchemistische Funktion, und zwar den „philosophischen Stein der Weisen“ zu finden. D.h. aber auch Transformation, beständige Umformung und Metamorphose von Material, Zeit und Raum. Und im Sinne einer ewigen Wiederkehr des Gleichen (die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt) formt man nicht zuletzt auch sich selbst um.

Könntest du dir ein Leben ohne die Kunst vorstellen?

Definitiv NO. Wie ich kürzlich in einem FAZ – Artikel („Malend im Exil“) gesagt habe, treibt mich ein archäologisches Interesse, jenseits der ideologischen Inhalte von Mythen und Alchemie nach den Formen und der Zeichensprache, nach den verdeckten Schichten im kulturellen Gedächtnis verschiedener Völker zu forschen. Das alles umfasst Kunst. Und noch viel mehr.

Bist du jemals zufrieden mit deinen Werken?

Es kommt tatsächlich vor, dass mich eine gewisse Form der künstlerischen Auseinandersetzung zu langweilen beginnt. Dann ist es höchste Zeit, etwas ganz neues zu schaffen. Zufrieden in diesem Zusammenhang heißt nur, dass man den richtigen Zeitpunkt für den „Absprung“ vom jeweiligen artwork schafft. Das gelingt leider nicht immer und man zerstört mehr als man kreiert. Aber wen interessiert das schon?

Um es deutlich zu machen, bei mir ist bis jetzt noch nicht der Moment eingetreten, wo ich stillstehen und mir auf die Schultern klopfen kann. Ich fühle eher so, dass die wichtigsten Schöpfungen (artworks ) noch bevorstehen. Ich bin davon so voll wie das Meer Tropfen hat…

Aktuelle Pläne und Projekte

Woran arbeitest du derzeit?

Zur Zeit arbeite ich an einer neuen Serie von Skulpturen. Da ich in gewisser Weise abergläubisch bin, spreche ich nie über Arbeiten, die noch nicht abgeschlossen sind. Das verhindert den bösen Blick!

Was ist deine Motivation für deine aktuellen Arbeiten? Möchtest du dem Betrachter eine bestimmte Botschaft mitgeben?

Ich beziehe mich auf eine deiner früheren Fragen. Die Motivation ist für mich völlig unerheblich, wichtig und elementar ist allein die Frage nach der Qualität. Prinzipiell gesehen sollte der Betrachter meine artworks in seinem Kopf fertig stellen. So gesehen entstehen dann unendlich viele artworks ! Darin liegt ja gerade die Wirkung guter Kunst, dass sie nachhaltig wirkt, zumindest im Auge des Betrachters. Ganz klar, die „Königsklasse“ abstrakte Kunst verlangt mehr als die „Realisten“. In Zeiten, in denen flacher Konsum G’tt ist, keine leicht Aufgabe!

Viele Künstler verlassen den Frankfurter Raum und gehen nach Berlin. Du hast dein Atelier vor gar nicht langer Zeit in Offenbach eröffnet. Was hat dich dazu bewogen dich entgegen des Trends hier niederzulassen und warum gerade in Offenbach?

Ich habe kein gesteigertes Interesse an Berlin, eher zieht es mich nach Süd-Frankreich. Mit meinem neuen Atelier, der TALBERG FACTORY habe ich einen absoluten Glücksgriff getan, ein Jahrhundertgeschenk sozusagen. Daran werde ich auch festhalten. Zumindest vorerst bewege ich mich oft zwischen Offenbach und Süd-Frankreich.

Offenbach ist für mich eine Stadt der krassen Gegensätze, des Laisser faire, wo man den Bürgermeister sowie die anderen Personalities noch persönlich kennt, insofern ein den „Kreativen“ höchst aufgeschlossener Ort. Hochschule für Gestaltung , Rosenheim-Museum, Klingspor-Museum , Leder-Museum, Heyne-Fabrik etc. Übrigens befindet sich mein Atelier in der gleichen Straße wie die Heyne-Fabrik.

Ich habe gelesen, du schreibst auch Gedichte und hast eine CD veröffentlicht? Worum geht es in deinen Gedichten und was haben sie zu tun mit deiner Kunst?

Guter Research! Interessant daran erinnert zu werden…lol. Die CD wurde 2000 produziert und veröffentlicht und kann noch über meine website bestellt werden. Ich hatte ja zwischenzeitlich eine Art Code, d.h. eine Geheim – oder Symbolsprache entwickelt, die auf sehr alte Zeichensätze wie die der Inka, Phönizier oder Aramäer zurückgeht. Mit Hilfe dieser „Hieroglyphen“ verweise ich in meinen artworks auch öfter auf Sentenzen aus diesen Lyrics, die ich einst geschrieben habe.

Welche Ausstellungen stehen an und mit welchen Inhalten oder Schwerpunkten?

Da derzeit über diverse Termine für 2009 noch verhandelt wird, kann ich als nächsten konkreten Termin die „Kunstansichten Offenbach “ am 20./21. September 2008 nennen, in deren Rahmen auch die TALBERG FACTORY geöffnet ist. Titel meiner Einzelausstellung ist „Psycho I“, was thematisch auf die Fragestellung von Wahn & Gesellschaft rekurriert.

Am 19. Oktober 2008 wird die TALBERG FACTORY eine Gruppenausstellung mit neuen Arbeiten von Patientinnen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Offenbach präsentieren. Die Ausstellung trägt den Titel „Lebenskrisen“ und ist eine Kooperation mit der renommierten Psychiatrie-Stiftung Offenbach (PSO).

Das Interview führte Bianka Schüssler für „Kunst und Kultur im Rhein-Main-Gebiet

Frankfurt, den 16. Juli 2008

Kommentare
  1. Udo sagt:

    Tolles Interview, mehr davon ! Irgendwo hatte ich, ich glaube im Kunstmarkt war es, gelesen, wie einer über seine Werke schrieb, es handle sich um Schmierereien. Auf der anderen Seite bezahlen die Leute 20.000 Euro für seine Bilder. Erstaunlich oder ?

  2. Manfred sagt:

    Sehr aufschlussreiches Interview. Leider kann man im Netz ansonsten wenig Persönliches über den Künstler erfahren.

  3. immus sagt:

    Tolle Seite – tolles Interview

  4. R. Bittner sagt:

    Guten Tag.

    Mit großem Interesse habe ich dieses Interview gelesen. Ich kannte den Künstler nicht, aber mein Interesse für ihn wurde geweckt. Gern würde ich mehr über ihn erfahren / hier lesen.
    Ist er ein Emil Schumacher Schüler ?

    R. Bittner

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