Jackie, kannst du bitte zunächst einmal für diejenigen unter uns, die mit der Branche nicht so vertraut sind, kurz die einzelnen Klassen gegeneinander abgrenzen ?

Tja, das ist nicht in ein paar Worten erklärt, denn im Motorsport tummeln sich generell viele Klassen. Aber im Groben kann man wohl zwischen den offenen Autos, eben den Formelautos, und den geschlossenen Autos – den Tourenwagen unterscheiden. Will man hoch hinaus – so wie ich – dann geht man vom Kart zunächst in eine Formel-Nachwuchsklasse wie zum Beispiel zum Formel BMW Junior Talent Cup. Nach einem Lernjahr steigt man dann beispielsweise in die Formel ADAC Master oder den Formel BMW Europa ein. Von dieser Klasse geht man in die Formel 3, da gibt es mehrere Serien und die kostet auch schon ganz schön viel. Wenn man es bis zur GP2 schafft, dann ist man in der Vorstufe zur Königsklasse, der Formel 1, angekommen. Bis dahin kommen aber nur die, die genug Budget bzw. Sponsoren haben. Hier merkt man wieder, dass es eben nicht nur mit dem Talent, sondern auch mit dem Geld zusammenhängt, wie weit man kommt.

Der grösste Unterschied zwischen den Formel-Nachwuchsklassen und den etablierten Formel-Serien ist wohl das Auto. Alle Fahrer haben beim Nachwuchs das gleiche Auto zur Verfügung und der Fahrer selbst ist ausschlaggebend für die Performance. Es kann/wird also wenig am Auto verändert. Das wiederum ist bei den etablierten Formelserien eine der wichtigsten Sachen: Da spielt das Setup eine ganz wichtige Rolle, und die Teams konkurrieren ganz heftig in der Technik. Fängt man in den Nachwuchsserien mit ca.140PS an (ca.245km/h Spitze), so fährt man danach immer schnellere Autos. In der Formel 1 sind es ca.750PS mit einer Höchstgeschwindigkeit von über 350km/h. Felipe Massa ist in Monza 368km/h Spitze gefahren!

Was hat dich dazu bewegt, diesen Beruf einzuschlagen ?

Na Schumi natürlich! Wie wahrscheinlich jedes deutsche Kind, bin ich ein totaler Schumifan, und habe mit meinem Daddy die Formel 1 Rennen immer live angeschaut. Als unsere Familie nach Las Vegas gezogen ist, dachte ich mir „Hey! In Vegas geht alles!“ und suchte eine Kartstrecke. Am gleichen Tag, an dem ich zum ersten Mal im Go-Kart saß, sagte ich zu meinen Eltern:
„Ich will jeden Tag hierher kommen!“. Und das klappte dann auch ganz gut. Ein halbes Jahr später übernahm meine Mom das Management der einzigen Outdoor-Rennstrecke in Las Vegas und die wurde dann zu meinem zweiten Zuhause.

Wer sind deine Vorbilder ?

Meine Eltern! Auch wenn beide mit Motorsport noch nie zu tun hatten bis ich kam, sind sie mein Vorbild im Leben und in meiner Karriere. Sie haben in ihrem Leben sehr viel erreicht und haben selbst bei allen Tiefen wieder ein Hoch gefunden. Beide haben noch nie irgendwo oder irgendwann aufgegeben und sind immer hochmotiviert. Sie waren auch immer glücklich.

Welche Voraussetzungen muss man deiner Meinung nach für diesen Beruf mitbringen, um erfolgreich zu sein ?

Mentale und physische Stärken stehen auf der langen Liste ganz oben. Es ist ein harter Sport und man hat erst einmal Millionen von Konkurrenten, die alle das gleiche Ziel haben. Wenn man sich da nicht durchbeißen kann, nützt auch kein Fahrer-Talent. Man muss sich bei den Sponsoren, bei den Medien genauso einsetzen wie auf der Rennstrecke. Finanzielle Stärke ist deswegen genauso eine wichtige Voraussetzung. Ohne Sponsorunterstützung kommt man im Motorsport nicht weit.

Was waren deine bisher wichtigsten Stationen und Erfolge ?

Als ich vom Kartsport in meine erste Formelserie umgestiegen bin, kam ich bei meinen ersten beiden Rennen auf Platz 2 und fuhr an beiden Tagen auch noch die schnellste Rennrunde. Ich fuhr als einziges Girl gegen lauter Jungs, und das war schon deshalb ein tolles Debut! Im Kartsport schaffte ich es in meinem ersten Jahr sogar bis zu den Rotax US Grand Nationals. Ein Final-Rennen, in dem sich nur die besten Fahrer aus ganz USAmessen. Im Jahr darauf wurde ich Rotax Jr. Meister auf meiner Hausstrecke in Las Vegas, USA.

Welche Emotionen durchläufst du vor einem Rennen, während und danach ?

Ich gehe zu jedem Rennen hochmotiviert, egal wie das letzte Rennen lief. Es freut mich natürlich immer das Team wieder zu sehen, und dass es mit meinen Sponsoren wieder einmal geklappt hat. Kurz vor dem Start versuche ich so ruhig wie möglich zu bleiben und meistens gelingt es mir auch. Während den Rennen bin ich so konzentriert, dass es wirklich keine Zeit gibt, um nervös zu werden. Wie ich mich nach einem Rennen fühle kommt natürlich ganz auf meine Ergebnisse an!

Welche Ängste begleiten dich ?

Also im Rennsport ist Angst fehl am Platz. Ich habe keine Ängste wenn ich im Cockpit sitze. Die Autos sind so sicher gebaut, dass dem Fahrer selten etwas passiert. Angst bekomme ich höchstens wenn es ein Sponsor-Problem gibt. Aber auch dann ist es nicht wirklich Angst, sondern eher Verärgerung.

Wie lange benötigst du nach einem anstrengenden Rennen um dich von den psychischen wie physischen Anforderungen zu erholen ?

Ich trainiere sehr hart an meiner Ausdauer, Fitness und Koordination – also überstehe ich ein anstrengendes 30 Minuten Rennen relativ ok. Ich brauche natürlich schon meine Zeit bis ich vom Adrenalin-Kick wieder runterkomme und danach erst spüre ich die Müdigkeit. Physisch brauche ich nicht lange, um auf den Normalstand zurückzukommen, im Gegenteil zur psychischen Belastung. Ich studiere immer noch einmal die ganzen Renndaten am Tag nach dem Rennen, und da wird mein Kopf noch einmal belastet. Doch nach alldem ist erstmals ein Relax-Tag angesagt, um mich für das nächste Rennwochenende wieder richtig vorzubereiten.

Wie denken deine Eltern über deinen Beruf ? Wie unterstützen Sie dich ?

Ob sie je auf so einen Beruf für mich gekommen wären als ich noch in Pampers lag, bezweifle ich. Aber sie unterstützen mich mit allen Mitteln, die es gibt. Und nicht nur sie, auch drei meiner vielen Tanten unterstützen mich sehr oft. Und nur so kann das alles funktionieren. Ich freue mich, dass sie mich fördern können und möchten.

Sind deine Eltern bei allen Rennen dabei ?

Jein! Sie drücken mir immer die Daumen und sind eigentlich immer „dabei“, auch wenn sie in Wirklichkeit vielleicht Zuhause sind. Manchmal klappt es nämlich zeitlich nicht, dass sie das ganze Rennwochenende (also Freitag/Samstag/Sonntag) dabei sind. Doch wenn es ein sehr wichtiges Rennen für mich ist, sind sie meistens beide in der Pitlane zu finden.

Du engagierst dich auch im sozialen Bereich, ich meine dein Engagement für Zwerg Nase, Wiesbaden. Wie sieht die Zusammenarbeit konkret aus ?

Wo auch immer ich kann und es sich ergibt, mache ich auf dieses Haus für behinderte Kinder aufmerksam. Es geht zum Einen natürlich um Spenden, durch die sich das Haus ausschliesslich finanziert. Und zum Anderen geht es mir persönlich um die Geschwisterkinder der behinderten Kinder. Die sind es zumeist, die im Schatten stehen, weil die Eltern ausgepowert durch die Pflege des behinderten Kindes sind und sehr oft keine Zeit haben, um etwas mit ihnen zu unternehmen. Ich habe viele Partner in Hessen, die auch mithelfen, diese Ausflüge mit den Kids zu organisieren. Wichtig ist mir dabei, dass die Kids an so einem Tag voll im Mittelpunkt stehen, Spass haben und länger davon zehren können. Das klappt zum Beispiel in Mannheim bei Planet Kart oder in Sinsheim beim Auto & Technik Museum ganz gut. Die Familien sind natürlich auch zu meinen Rennwochenenden oder Events eingeladen.

Was hat dich dazu bewegt ?

Nun, da waren mehrere ausschlaggebende Faktoren. Ich bin das Mittlere von drei Kindern, und ich beanspruche seit einiger Zeit meine Eltern fast zu 100% für meine Karriere. Meine jüngere und meine ältere Schwester kommen dabei häufiger zu kurz, weil sich einfach alles um mich dreht. Auch haben mir sehr viele Leute bis hierher geholfen und ich weiss, dass ich schon deshalb zu den Glückskindern zähle. Das ist einfach ein schönes Gefühl, das ich gerne weitergebe. Zudem macht es mir riesig Spaß, den Kindern meine Welt zu zeigen und sie glücklich zu sehen.

Dabei will ich auch für jeden ein Beispiel sein und zeigen, dass man auch ohne viel Geld und ohne ein Superstar zu sein, Gutes tun kann.

Welche konkreten Pläne für kommende Vorhaben, in denen du Zwerg Nase unterstützt, stehen an ?

Wir haben eine Spenden-Aktion für Zwerg Nase gestartet, die noch bis Mitte 2009 läuft, und wir hoffen natürlich, dass da was ganz Grosses für Zwerg Nase herauskommt! Mit einer Minimumspende von 25 Euro kann jedermann sein Lieblingsfoto, oder mehrere Fotos, auf der Nase von meinem Rennwagen platzieren. Alle Infos dazu gibt es auf der www.raceforkids.deWebseite. Es ist meine erste große Aktion, bei der mich einige Leute unterstützen, wie zum Beispiel die Autoveredelungsfirma Cam-Shaft, die sich um das Aufziehen der Fotos auf den Rennwagen kümmern. Und auch der Hockenheimring macht mit und wird nächstes Jahr eigens einen Event-Tag für diese Charity-Veranstaltung einplanen. Es soll total erfolgreich werden, ein Fest für die ganze Familie in der Boxengasse. Deshalb: Schickt mir jede Menge Fotos!

Eine andere, ganz aktuelle Charity-Weihnachts-Aktion, die sich an Unternehmer und Firmen richtet, ist das Projekt mit dem Förderverein KUNST HILFT JUGEND. Ich helfe dem Kunst-Weltrekord Maler Thommes Nentwig in Bezug auf das Projekt „Jugendatelier Schattenkinder“. Er hat ein genau 2008 Meter langes Mammutwerk geschaffen, für das sogar die gesamte Innenstadt von Vechta in Niedersachsen gesperrt wurde. Wir suchen nun Sponsoren, die die pädagogisch wertvolle Jugendarbeit unterstützen wollen ( www.2008m.de ).

Den aktuellen Stand und weitere Infos über die Foto-Aktion für Zwerg Nase werde ich auch auf meiner Webseite www.jackieweiss.comonline stellen.

Du warst gerade erst auf der Tele2 Art of Cart in Wien. Was waren deine Highlights bei dem Event ?

Naja, der Prater natürlich! Die Wiener Luft, und meine Wiener Fans…

Spaß beiseite: Das Tele2 Art of Cart war ein Rennen durch den Wiener Prater für einen guten Zweck. Alle Gelder vom Wochenende gingen an die Forschung für Querschnittsgelähmte. Ich war mit Thomas Rössler (Rennsport Rössler) als einzige Profis für das Promi Team Deutschland am Start, mit Schauspielern und Prominenten, die noch nie vorher im Kart saßen. Obwohl das Ganze mehr oder weniger als Priorität den Spaßfaktor hatte, gaben meine Promis auf der Rennstrecke wirklich alles, und das war schon klasse und gab eine super Stimmung an diesen zwei Tagen. Den Sieg konnten wir uns zwar nicht holen, doch wir hatten sehr viel Spaß und ich habe viele neue Freunde gewonnen.

Denkst Du, dass es Frauen im Motorsport schwieriger haben?

Ja und Nein.

Ja, bei den Sponsoren zum Beispiel. Da habe ich schon mehrmals gemerkt, dass manche Unternehmen einfach nicht bereit sind umzudenken und dem aktuellen Trend zu folgen. Immerhin sind wir Frauen mittlerweile als DIE Kaufkraft im Automobilsektor anerkannt, was mehrere Studien belegen. Da sollte man meinen, dass sich das bis in die Vorstandsebenen durchgesprochen hat.

Absolutes Nein in punkto Fitness, Training, Ausdauer. Jemand wie ich, der den nötigen Ehrgeiz besitzt um nach oben zu kommen, steht den Jungs auf der Rennstrecke in nichts nach. Wenn der Helm auf ist, interessiert es niemanden mehr, ob da ein Girl oder ein Boy drunter ist. Ab da zählt nur noch die Leistung.

Welches Ziel / welche Ziele verfolgst du für die nächste Saison 2009 ?

Für meine nächste Saison ist das Wichtigste, die Sponsoren-Gelder zu sichern. Wenn alles glatt läuft bin ich am Start der deutschen Nachwuchsserie des ADAC Formel Masters. Da will ich natürlich an der Spitze ein Wort mitreden. Ein Rookie-Titel als bester Newcomer wäre ein super Debut für mich. Generell habe ich zum Ziel, dass ich mich selbst immer weiter steigere und ich möchte auch vieles über den Motorsport vor und hinter den Kulissen dazulernen.

Wann ist dein nächstes Rennen ?

Im Frühjahr beginnt meine nächste Saison. Bis dahin habe ich mehrere Winter-Testtage, um mich an das neue Team und Auto zu gewöhnen.

Was hast du dir dafür vorgenommen ?

Ein Saisonauftakt ist immer etwas Besonderes. Es ist wichtig meine Leistung zu bestätigen, um auch beispielsweise bei den meist nur männlichen Konkurrenten einen starken Eindruck zu hinterlassen. Für mich selbst ist es wichtig, alles zu geben und ein gutes Ergebnis nach Hause zu bringen. Unter den Rookies, so nennt man die Neulinge in den Serien, will ich nur vorne mitmischen und insgesamt erwarte ich mir einen Platz in den Top 10. Es ist ein schwieriges Ziel, aber ich habe noch viel Zeit um mich vorzubereiten. Ich gehe hochmotiviert in die Wintertest-Saison!

Jackie Weiss Portrait – DE

Jackie Weiss Portrait – EN

Bildergalerie:

Fotos copyright Christina Kalweit-Stärz

Das Interview führte Bianka Schüssler, Kunst und Kultur im Rhein-Main-Gebiet

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